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Wer zahlt bestimmt. Oder: Die Privatisierung der Wohlfahrt/ Vorbild Amerika: Wohltätigkeit – eine Gefahr für die Demokratie?

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Vorbild Amerika: Wohltätigkeit – eine Gefahr für die Demokratie?

“We can have democracy in this country, or we can have great wealth concentrated in the hands of a few, but we can't have both.” - Louis D. Brandeis[1]

Ein zehnmal höheres Spendenaufkommen pro Kopf als in Deutschland, selbstverständlicher Einsatz für die Allgemeinheit, Vermögen, die gestiftet statt vererbt werden, Carnegies, Rockefellers, Gates und Buffetts, ein Charity-Event nach dem anderen, Alumni-Vereinigungen an jeder Universität, Museen, Konzerthäuser, Schulen weitgehend privat finanziert, wie sollte ein Fundraiser, denkt er an Amerika, nicht ins Schwärmen geraten. Marita Haibach schreibt: „In Deutschland und Europa ... ist Philanthropie eine private Tugend, die, auch historisch gesehen, nur die Lücken füllt, welche der Staat lässt“.[2]

Die historisch und kulturell bedingten Unterschiede zwischen Deutschland und den USA in der Spendenkultur sind in der Fachliteratur ausführlich behandelt worden.[3] Dort eine Gesellschaft, die auf Eigeninitiative setzt und die den Tüchtigen belohnt, hier ein Staat, der alles regelt, in dem der Erfolgreiche auf Neid und Missgunst trifft. Ein Land, in dem sich Fundraising als Kulturtechnik[4] erst (wieder) etablieren muss. Doch es sind auch die USA, die gerade aufgrund ihrer philanthropischen Überlegenheit so vielfach als Vorbild gepriesen werden, die anschauliche Beispiele für die Gefahren liefern, die in einem Wohltätigkeitsstaat auf die demokratische Ordnung lauern.

So beklagt der Politikwissenschaftler Rob Reich[5] in dem viel beachteten Artikel „Versagen der Philanthropie“[6] die extremen Einkommensunterschiede in den USA, die es einigen möglich machen, Milliarden zu spenden und so überproportionalen Einfluss zu gewinnen.

„Wenn wir - die große Mehrheit der Leute, die keine Milliarden besitzt - die Welt nach unseren Vorstellungen verändern wollen, müssen wir als Bürger aktiv wer-den. Wir müssen uns politisch engagieren und die Leute wählen, die unsere Werte vertreten. Ein Milliardär dagegen gründet eine Stiftung und finanziert das, was ihn interessiert. Je mehr Geld man hat, desto mehr Einfluss hat man mit seinen Programmen und kann das ganze demokratische System umgehen, um seine Vorstellungen umzusetzen.“[7]

Bei amerikanischen Stiftungen hat sich das Verhältnis von der Stiftung als üblicherweise kleinerem Partner des Staates teilweise verkehrt. Sie verfügen z. T. über Macht und Einfluss und teilweise eine Größe, dass sie staatliches, also demokratisch legitimiertes Handeln obsolet machen. Beispielhaft sei die Bill & Melinda Gates-Stiftung genannt, deren Kapitalausstattung nach der 30-Milliarden-Zustiftung von Warren Buffett nicht nur staatliche Forschungsprogramme bedeutungslos werden lässt, sondern sogar die der Weltgesundheitsorganisation um ein vielfaches übertrifft und in der letztlich die Stifter, also Bill und Melinda Gates, persönlich über jedes größere Projekt entscheiden. Neben der großen Anerkennung für Gates’ Engagement gibt es zugleich ein eher ein diffuses Unbehagen, dass Gates nun nicht nur in Sachen Software, sondern auch Gesundheit eine Monopolstellung innehat und staatliches Handeln ersetzt wird, ohne dass eine öffentliche oder gar demokratische Kontrolle möglich ist.

Bereits in den 1960er Jahren wurde im Erstarken großer Konzern- und Familienstiftungen in den USA eine Gefahr für die Demokratie gesehen. Ferdinand Lundberg konstatierte in seinem Buch ‚The Rich and The Superrich’[8] eine All-macht des Geldes, das in der Hand weniger Familien und ihrer Stiftungen dazu diene, Regierung und Armee eigene Interessen verfolgen zu lassen. Dass es sich hier nicht um eine abwegige Verschwörungstheorie eines linken Soziologen handelt[9], bestätigt Präsident Dwight D. Eisenhower, der in seiner Abschiedsrede vor zu großer Macht des militärisch-industriellen Komplexes warnte:

„Der Einfluss - ökonomisch, politisch, sogar geistig - ist spürbar in jeder Stadt, jedem Bundesstaat, jedem Regierungsbüro ... Nur eine wache und informierte Öffentlichkeit kann dafür sorgen, dass diese mächtige industrielle und militärische Verteidigungsmaschinerie an unsere friedlichen Methoden und Ziele gebunden bleibt, damit Sicherheit und Freiheit gemeinsam gedeihen können.“[10]

Wer hilft und spendet, hat ein Mitspracherecht, oder, wenn er sehr viel gibt, ein Mitbestimmungsrecht. So ist es in den USA üblich, dass der Kreis der „Trustees“, also der Aufsichtsrat von Stiftungen, der sich zumeist aus einflussreichen Persönlichkeiten der Gesellschaft zusammensetzt, das operative Geschäft aktiv mitbestimmt. Im Klartext: Im Zweifel entscheidet nicht der fachlich kompetente Museumsdirektor, welches Kunstwerk angekauft wird, der Schuldirektor nicht über die Besetzung einer Lehrerstelle, bestimmt nicht der Intendant oder künstlerische Leiter, welche Stücke auf dem Spielplan stehen, sondern der Großspender, auf dessen Förderung man angewiesen ist. So sagte der bekannte, mittlerweile bankrotte Opernmäzen Alberto Vilar in einem Interview mit der ZEIT: „Zum Beispiel meine Turandot an der New Yorker Met: Wir wollten Opulenz, und wir haben Opulenz bekommen. Und da schreibt doch dieser Kritiker der New York Times: Es war opulent und also blöd. Rausgeworfenes Geld. Aber es war mein Geld.“[11]

Welchen Einfluss Stifter teilweise beanspruchen, macht auch ein prominenter Fall an der Elite-Universität Princeton deutlich. Dort klagen Erben auf die Rückgabe der auf rund 750 Millionen Dollar angewachsenen Mittel ihrer Stiftung[12], mit der Begründung: Die Universität setze die Stiftungsgelder nicht im Sinne der Familie ein. Denn obwohl der Stiftungszweck sei, junge Amerikaner auf den außenpolitischen Dienst vorzubereiten, träten zu wenige Absolventen nach dem Studium in den Staatsdienst. Schon 1972 beklagte der Dekan des Fachbereichs, dem das Erbe zugute kommt, die Einengung der akademischen Freiheit: „Die unausgesprochene Prämisse der Stiftung, dass sich eine akademische Einrichtung einer einzigen Regierung verschreibt, verstört mich. Eine Universität sollte sich derartiger Kirchturmpolitik widersetzen.“[13]

Die Geschichte wird als Präzedenzfall betrachtet, wie groß die Kontrolle philanthropischer Geldgeber über die Verwendung ihrer Spenden sein kann oder darf. Der Prozessausgang werde wesentlichen Einfluss auf die Spendenbereitschaft im 21. Jahrhundert haben, schreibt der klagende Nachfahre.[14] Selbst wenn die Universität obsiegen sollte, wird sie auch Verlierer sein. Denn die großen Gelder werden voraussichtlich nur weiter sprudeln, wenn die Spender ihre Interessen schützen können. Spenden sind mit durchschnittlich 25 % des Gesamtetats ein fester Bestandteil der Haushaltspläne amerikanischer Universitäten.

Es scheint nicht nur menschlich, sondern auch logisch – wer viel Geld gibt, möchte auch bestimmen, wofür es verwendet wird. Bezogen auf soziale Wohltätigkeit bedeutet ein System, dass sich auf die Großzügigkeit einzelner verlässt, dass Hilfe nicht kontinuierlich und nicht ohne Ansehen der Person und ihrer Umstände garantiert werden kann. Dies allerdings ist auch nicht der Anspruch, der (im Gegensatz zum deutschen Sozialstaat) an das amerikanische Wohlfahrtssystem gestellt wird. Ob kirchliche oder private kommunale Hilfe: Sie muss sich nicht an neutrale Kriterien halten und kann willkürlich erfolgen; Unterstützung bekommt nicht unbedingt, wer am dringendsten der Hilfe bedarf, sondern ggf. Glauben oder Philosophie der Wohltäter teilt. Einer Untersuchung der Universität Indiana zufolge haben 62 Prozent aller wohltätigen Spenden in Amerika einen religiösen Hintergrund und verfolgen bestimmte gesellschaftspolitische Ziele.[15]

So hat ein Großteil der Wohltätigkeitsorganisationen ein klares religiöses Profil, und einige machen ihre Unterstützung vom Bekenntnis zum Christentum abhängig. Mit der Schaffung der Faith-Based Welfare Initiative, der direkt im Weißen Haus angesiedelten glaubensgestützten Wohlfahrtsinitiative[16] sowie des unter Präsident Bush geschaffenen Programms des compassionate conservatism, des ‚mitfühlenden Konservatismus’, werden kirchliche und andere religiöse Organisationen auch politisch gefördert. Die auf ehrenamtlicher Arbeit basierenden volontary associations decken einen Großteil der sozialen Sicherungssysteme ab und erhalten ihre Budgets zu einem Großteil vom Staat. Anders als vielfach angenommen, sorgt trotz der niedrigen Staatsleistungsquote vor allem private Vorsorge, nicht private Wohltätigkeit in den USA dafür, dass sich die Ausgaben für Sozialausgaben gemessen am Bruttosozialprodukt nicht dramatisch von denen der EU-Länder unter-scheiden.[17] „So sind die Ausgaben für Gesundheit, Bildung, Sozialschutz und sonstige soziale Belange in allen entwickelten Marktwirtschaften recht ähnlich - sie liegen stets bei rund 30% des BIP. Der große Unterschied zwischen der EU und den USA liegt nicht in der Höhe der Sozialausgaben, sondern in dem Umfang, in dem sie kollektiv über Steuern und Versicherungsbeiträge getätigt werden beziehungsweise von Einzelpersonen durch private Aufwendungen und Versicherungen nach Steuern abgedeckt werden.“[18]

Angesichts der offenbar unzutreffenden Vorstellung, dass in den USA das man-gelnde soziale Sicherungsnetz vor allem durch private Wohltätigkeit kompensiert wird, wirkt der Unterschied erhellend, den die amerikanische Fundraising-Expertin Claire Gaudiani[19] zwischen Charity und Philanthropie zieht. Während Charity die Symptome von Not lindere, sei Philanthropie eine Investition zur Lösung der zugrunde liegenden Probleme.

„Der Investitionsansatz unterscheidet amerikanische Freigiebigkeit grundlegend von der Methode der Armenhäuser und Suppenküchen und drückt unsere Werte der Freiheit, des Individuums und Unternehmertums aus.“[20]

Gemäß seiner historischen Wurzeln und seiner Wortbedeutung ist „Charity“ dazu bestimmt, den Bedürftigen zu helfen. Große Spenden jedoch werden in den USA in weit geringerem Umfang für Arme getätigt als für Elite-Schulen, Kultureinrichtungen und religiöse Gruppen[21], Zuwendungen für Katastrophenopfer machten trotz Tsunami und Hurrikan Katrina im Jahr 2005 nur etwa drei Prozent aller Spenden aus[22]. Noch einmal Rob Reich:

„Philanthropie ist so schlecht darin, Geld den Armen zukommen zu lassen, dass es der Regierung nicht schwer fallen dürfte, es besser zu machen. Wir sollten aufhören uns vorzumachen, dass Charity und Philanthropie den Armen wirklich helfen.“[23]



  1. (1856-1941), Richter am Obersten Gerichtshof, Gründer der Brandeis-University
  2. Haibach, Marita, Handbuch Fundraising: Spenden, Sponsoring, Stiftungen in der Praxis. Frankfurt/New York: Campus, 2002.
  3. U. a. in Handbuch Fundraising, Hrsg. Dt. Fundraising-Akademie. Eine ausführliche Betrachtung liefert auch Petra Krimphove: „Bürgerschaftliches Engagement und Sozialstaat: Ein Vergleich zwischen den USA und Deutschland“, http://www.journalistenetage.de/krimphove/Buergerengagement.pdf
  4. Vgl. Marita Haibach, Handbuch Fundraising
  5. Professor an der Stanford University
  6. „Failure of Philanthropy“, in Social Innovation Review Stanford University, Winter 2006 http://www.ssireview.org/pdf/2005WI_Feature_Reich.pdf
  7. Rob Reich Im Interview (3Sat – Kulturzeit 03.08.2006)
  8. New York: Bantam Books, 1969
  9. Aus den Analysen amerik. Soziologen zur Eliteforschung ist Power Structure Research als eigener Forschungszweig hervorgegangen, dieser geht davon aus, dass es Netzwerke von einigen tausend Personen gibt, in denen die wichtigsten staatlichen, parlamentarischen und gesetzgeberischen Aktivitäten vorentschieden werden.
  10. “Military-Industrial-Speech” 1961, Public Papers of the Presidents, Dwight D. Eisenhower http://coursesa.matrix.msu.edu/~hst306/documents/indust.html
  11. Die ZEIT, 24/2001
  12. Im Jahr 1961 von Charles und Marie Robertson mit einem Aktienpaket im Wert von 35 Mio. $ errichtet. Stiftungszweck war „to strengthen the Government of the United States and increase its ability and determination to defend and extend freedom throughout the world by improving the facilities for the training and education of men and women for government service...”.
  13. Zitiert nach Frankfurter Rundschau, online 06.12.2006, http://www.fr-online.de/in_und_ausland/wissen_und_bildung/aktuell/?em_cnt=1025301
  14. http://www.robertsonvprinceton.org/index.php
  15. Centre on Philanthropy, Indiana University 2006; http://www.philanthropy.iupui.edu/Research/COPPS/
  16. Office of Faith-Based and Community Initiatives im Februar 2001 gegründet
  17. In einer OECD-Studie für das Jahr 1995 wird für die USA eine Sozialausgabenquote von 15,8% errechnet. Im Durchschnitt der damals 15 EU-Länder waren es dagegen 28,5%. In der gleichen Studie wurde auch der Anteil der privaten Sozialausgaben am BIP ermittelt. Danach werden in den USA zusätzlich zu den öffentlichen Sozialausgaben 7,8% des BIP für Sozialleistungen, insbesondere für die Gesundheitsvorsorge aus privaten Mitteln finanziert. Demgegenüber sind es in Europa im allgemeinen nur 1 bis 2%. Quelle: Institut für Wirtschaft und Soziales (WISO Institut) http://www.wiso-gruppe.de/download/wiso_presse_000823.pdf
  18. „Die Kosten unterlassener Sozialpolitik“, Arbeitspapier Europäische Kommission >Employment, Social Affairs and Equal Opportunities, 2003 http://ec.europa.eu/employment_social/news/2003/jan/costofnonsocialpolicy_de.pdf
  19. Professorin, The George H. Heyman, Jr. Center for Philanthropy and Fundraising at New York University's School of Continuing and Professional Studies
  20. “The Greater Good: How Philanthropy Drives the American Economy and Can Save Capitalism”, zitiert nach: http://www.economist.com/surveys/displayStory.cfm?story_id=5517605
  21. Spendenverteilung in den USA: 35 % Religion, 13 % Ausbildung, 8 % Soziales, 8 % Gesundheit, Andere (inkl. Kultur und Wissenschaft) 36 % Quelle: Council for Aid to Education, Voluntary Support of Education Survey 2002“/ Anderen Erhebungen zufolge werden sogar 60 % für religiöse Zwecke gespendet (The New Nonprofit Almanac and Desk Reference” (2002)
  22. Quelle: Giving USA Foundation, www.aafrc.org
  23. S. FN 18 „Failure of Philanthropy“

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