Mai 2017 – 8 Jahre Fundraising-Wiki

Wer zahlt bestimmt. Oder: Die Privatisierung der Wohlfahrt/ Perspektiven und Fazit

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Perspektiven und Fazit

Die vom Staat in den Aufgaben der Wohlfahrt hinterlassene „Finanzierungslücke“ ist viel zu groß, als dass Fundraising und bürgerschaftliches Engagement sie auch bei einem großzügigeren Steuerrecht vollständig kompensieren könnten. Zudem investieren diejenigen, die es sich leisten können und wollen, ihre Spenden-Euros und ihr Engagement in vielfältige, selbst bestimmte Zwecke und Ziele. Auch wenn Philanthropie zu einem globalen Phänomen werden sollte und neue Spenderpotentiale, insbesondere bei den Reichen und Superreichen, erschlossen werden könnten, wird der Dritte Sektor den Staat nicht ersetzen und mit privaten Mitteln für soziale Gerechtigkeit und Gleichheit konkreter Lebensbedingungen sorgen können.

Ob sich das Modell privater Wohltätigkeit bewährt, wird sich neben dem Spendenvolumen vor allem an seiner Wirksamkeit und Effizienz messen müssen. „Es sei augenfällig, so Matthew Bishop vom amerikanischen Economist, „dass eine neue Generation amerikanischer Philanthropen, Leute wie Bill Gates, oder der ebay-Gründer Pierre Omidyar, sehr darauf achte, kein Geld zu verschwenden. Dies sei ein entscheidender Unterschied, sie dächten Philanthropie neu.“[1] In seinem Artikel zitiert er Harvard Professor Michael Porter: „Die Skandale um Stiftungen drehen sich meist um Vergütungen und Vorteilsnahmen, der wirkliche Skandal ist jedoch, wie viel Geld in völlig nutzlosen Aktivitäten verschleudert wird. Milliarden werden in wirkungsloser Philanthropie verschwendet.“ Und Rob Reich stellt in „The Failure of Philanthropy“ die provokante Frage, ob das amerikanische Charity-System bei der Verteilung der Gelder tatsächlich mehr leiste, als der Staat es allein mit den durch Spenden entgangenen Steuergeldern würde.[2]

Wenn Bürger, Unternehmen und Stiftungen zunehmend die Verantwortung für die Gestaltung des Gemeinwohls übernehmen, bringt es ihnen einen Gewinn an Freiheit, der Gesellschaft aber nicht zwangsläufig ein Mehr an Demokratie. Sieht man das Spenden- und Stiftungswesen als Beitrag zur politischen Willensbildung und zieht die ungleichen Möglichkeiten aller in Betracht, so entsteht ein direkter Zusammenhang zwischen Reichtum und Macht.

Für die Aufgaben, die der Dritten Sektor im globalen gesellschaftlichen Wandel übernehmen soll, scheint ein mehrfacher Spagat notwendig zu sein: In einer Zeit, in der auch alles Soziale zur Ware wird, soll er Werte und sozialen Zusammenhalt sichern. Auf der Basis ungleich verteilter materieller Ressourcen soll er Chancengleichheit und Verteilungsgerechtigkeit schaffen, einen Gegenpol zum allmächtigen Markt bilden und mit ihm kooperieren. NPOs sollen effizient und unternehmerisch handeln, aber nicht über betriebswirtschaftliches Marketing und Kennziffern sprechen, sondern reine Ideale verkörpern. Sie sollen den Bedürftigen nachhaltige Hilfe leisten und gleichzeitig für die Spender ungebrochen attraktiv sein. Sie sollen spektakulären Notlagen vorbeugen und gleichzeitig medial präsent sein. Sie sollen professionell arbeiten, ohne Verwaltungskosten zu produzieren, Prominente und Vermögende gewinnen, aber keine glamourösen Veranstaltungen zelebrieren, Legate akquirieren, ohne vom Tod zu sprechen. Sie sollen ohne Berührungsängste die Interessen ihrer Sponsoren optimal bedienen und ein klares eigenes Profil bewahren.

Ohne die steuerlich begünstigte zunehmende Kapital-Konzentration bei Unter-nehmen und Vermögenden wäre die Krise des Sozialstaates zumindest ökonomisch nicht zu begründen. Ohne die zunehmende Ungleichheit wären aber auch viele Stiftungen und Großspenden nicht möglich. Die Abkehr von Sozialstaatlichkeit geht einher mit einer vorrückenden Kultur des Privaten, deren Prämisse im besten Fall lautet: Wer hat, will geben. Hier liegt die große Chance im Fundraising, aber auch eine große Verantwortung. Die Aufgabe aller Beteiligten sollte es sein, wach und informiert im Auge zu behalten, wer über unser Gemeinwohl bestimmt und darauf zu achten, dass unser Tun wirklich Nutzen stiftet.



  1. Matthew Bishop, „The Business of Giving“, The Economist, 23. Februar 2006
  2. „Failure of Philanthropy“, in Social Innovation Review Stanford University, Winter 2006 http://www.ssireview.org/pdf/2005WI_Feature_Reich.pdf

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