Mai 2017 – 8 Jahre Fundraising-Wiki

Wer zahlt bestimmt. Oder: Die Privatisierung der Wohlfahrt/ Konsumentendemokratie

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Konsumentendemokratie

„Die soziale Verantwortung der Wirtschaft ist es, ihre Profite zu vergrößern.“ - Milton Friedman

Wie zuvor beschrieben, manifestiert sich eine extreme Ungleichheit zwischen Arm und Reich nicht nur in materieller Hinsicht, sondern auch im Hinblick auf die politischen, kulturellen und sozialen Mitgestaltungsmöglichkeiten. Im Widerspruch zum demokratischen Mehrheitsprinzip verfügen Vermögende über weit größere Einflussmöglichkeiten, „gute Zwecke“ zu fördern oder zu initiieren, als die Mehrheit der Bevölkerung.

Dieser bleibt neben bürgerschaftlichem Engagement die Macht als Verbraucher. „Selbst allmächtige Weltkonzerne können ihre Kunden nicht entlassen“ schreibt Ulrich Beck[1]. Spätestens seit „Brent Spar“[2] und Nike[3] ist das Machtpotential organisierter Konsumenten bekannt. „Wer zahlt, bestimmt“ kann der Normalverbraucher an der Ladenkasse für sich beanspruchen. Ob der Attac-Aufruf zum Lidl-Boykott, Tanja Busse in „Die Einkaufsrevolution. Konsumenten entdecken ihre Macht“, oder Fred Grimm in „Shopping hilft die Welt verbessern“[4]: Als effektives Instrument, dem globalen und gesellschaftlichen Wandel eine eigene Haltung entgegenzusetzen, gilt die eigene Kaufkraft. Dass die Verbrauchermacht keine zu vernachlässigende Größe ist, wird an den mittlerweile auch bei Discountern zu findenden fair gehandelten Produkten deutlich. Bei den Herstellern wächst das Bemühen, sich ihre wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit mit dem Einsatz für soziale Sicherheit und Nachhaltigkeit zu sichern. “Die Orientierung an ethischen Werten ist eine notwendige Voraussetzung, um nicht nur kurzfristig, sondern dauerhaft Gewinne erwirtschaften zu können”, so Porsche-Chef Wendelin Wiedeking.[5]

In den USA machen Unternehmen und Hersteller ‚Philanthropie’ zunehmend nicht zur Nebensache eines Teils ihrer Produktpalette, sondern stellen sie in den Mittelpunkt. Ob Lippenstift, Jeans, Kerzen, Schuhe oder Socken: Ganze Linien werden speziell für das Charity-Shopping kreiert. GAP, Apple und Motorola bieten eine limitierte Auflage von roten Designer-Produkten an, um die Aids-Hilfe zu unterstützen.[6] Die von Radrennprofi Lance Armstrong zugunsten seiner Krebsstiftung auf den Markt gebrachten Silikon-Armbänder verkauften sich innerhalb eines Jahres 50 Millionen Mal. Ähnliche Beispiele lassen sich langsam auch in Deutschland finden. So bot das Berliner KaDeWe zu Weihnachten 2006 mit den Lichtskulpturen des Aidshilfeprojekts „Dessine l’espoir“ spezielle Charity-Geschenke an.

Auch wenn diese Beispiele klassische Win-Win-Situationen skizzieren: Das Gewicht der eigenen Stimme ist auch in der „Konsumenten-Demokratie“ abhängig vom Portemonnaie. Wer nicht tankt, kann Shell schlecht boykottieren, wer keinen Computer hat, kann nicht vom Microsoft Explorer auf Mozilla Firefox umsteigen. Weit stärker ist Geld noch die Vorbedingung bei - zugleich wirkungsvolleren - ethischen Geldanlagen. Im ‚Social Responsible Investment’ sind die Unternehmen selbst die Handelsware, und wenn es dem Anleger zunehmend weniger egal ist, wodurch sich sein Geld vermehrt, setzt er die Unternehmen unter Druck, ethisch verantwortungsvoller zu wirtschaften. Für die meisten deutschen Unternehmen ist ‚Corporate Social Responsibility’ (CSR) hauptsächlich eine Frage der Reputa-tion.[7] Unabhängig von den Beweggründen beginnen sie sich aufgrund der zunehmenden Erkenntnis, dass gesellschaftliches Engagement für den ökonomischen Erfolg bedeutsam ist, als Partner für Non-Profit-Organisationen zu qualifizieren. Allerdings ist für Unternehmen bei der Auswahl der zu fördernden Projekte oft der Imagegewinn entscheidender als der gesellschaftspolitische Sinn.



  1. Ulrich Beck, ‚Auswirkung der Globalisierung: Vorwärts durch Verzicht!’ (Dezember 2004) http://www.agspak.de/soz_welt.htm
  2. Die Öl-Plattform „Brent Spar“ sollte 1995 in der Nordsee versenkt werden. Der Umsatz an Shell-Tankstellen brach nach einem Boykottaufruf um 30 – 50 Prozent ein.
  3. Internetboykott-Aufrufe im Jahr 2004 wegen „menschenverachtender Arbeitsbedingungen“ in asiatischen Nike-Fabriken, Homepages u.a. „Boycott Nike“, „NikeWatch“, „NikeWages“. „Just Do It – Boycott Nike“„Clean Clothes Campaign“.
  4. Tanja Busse, ‚Die Einkaufsrevolution. Konsumenten entdecken ihre Macht’, Blessing 2006 / Fred Grimm,’ Shopping hilft die Welt verbessern’, Mosaik Bei Goldmann, 2006
  5. In einem Beitrag für die Fachzeitschrift Werben & Verkaufen (Dezember 2006)
  6. Bei GAP gehen 50% des Verkaufserlöses an den guten Zweck, Apple gibt 10 Dollar pro verkauftem iPod Nano und Motorola 17 Dollar für jedes Telefon.
  7. Ergebnis einer gemeinsamen Studie von URS Deutschland GmbH und der internationalen Anwaltssozietät Freshfields Bruckhaus Deringer / Martin G. Viehöver, Dr. Juliane Hilf, Franz Knecht, Dr. Sebastian Reich: ’Nachhaltigkeit und Unternehmensführung’. Frankfurt/Main, Basel, Köln 2006

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