Mai 2016 – 7 Jahre Fundraising-Wiki

Wer zahlt bestimmt. Oder: Die Privatisierung der Wohlfahrt/ Der Ruck hin zur Zivilgesellschaft

Aus Fundraising-Wiki

Wechseln zu: Navigation, Suche

Der Ruck hin zur Zivilgesellschaft

“A wise and frugal government shall leave men free to regulate their own pursuits of industry and improvements.” - Thomas Jefferson

Erschien es früher eher subversiv, wenn Bürger Netzwerke bildeten und sich ein-mischten - denn es richtete sich häufig genug gegen staatliches Handeln, man denke an Gorleben, Startbahn West oder Mutlangen –, wird es heute staatlich anerkannt und gefördert. Begriffe wie Bürgergesellschaft, Zivilgesellschaft oder auch bürgerschaftliches Engagement und zivile Bürgergesellschaft werden von keiner Berufsgruppe so oft beschworen wie von Politikern. Welcher Begriff auch Anwendung findet: Gemeint ist „Weniger Staat – mehr Eigenverantwortung“. Mit der Verwendung des Begriffs der Bürgergesellschaft wird zum Ausdruck gebracht, dass die Gesellschaft zur Selbstorganisation greifen soll. Nicht mehr der Staat ist für die Bürger verantwortlich, sondern die Bürger füreinander.

Die „zivile Bürgergesellschaft“ ist im Jahr 2000 vom damaligen Bundeskanzler Gerhard Schröder zum Programm erklärt worden: „Was die Gesellschaft besser lösen kann, das muss, das soll der Staat nicht selbst machen.“[1]

Seither läuft die Mobilisierung bürgerschaftlichen Engagements auf allen Ebenen. Es gab eine Enquete-Kommission „Zukunft des Bürgerschaftlichen Engagements“ des Deutschen Bundestages, zahlreiche Aktionsprogramme auf Bundes- und Län-derebene, Werbekampagnen der Bundesregierung wie „Ehrenamt ist Ehrensache“, von Wohlfahrtsorganisationen – „Handeln - Ehrensache“[2], Netzwerken - „Engagement macht stark“[3], von Medienunternehmen - „Du bist Deutschland – Ich mach mit“[4], von Firmen - „Merci – Danke, dass es Sie hier gibt“, es wurden Freiwilligen-Agenturen gegründet etc. All diese Initiativen stellen das Ehrenamt in den Mittelpunkt. Der vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend im November 2006 vorgelegte Zweite Freiwilligensurvey kommt zu dem Ergebnis, dass sich die Zahl derer, die sich freiwillig engagieren, im Vergleich zum Jahr 1999 um zwei Prozent erhöht hat und nun 36 Prozent aller Bürgerinnen und Bürger ab 14 Jahren freiwilliges Engagement leisten.[5] Die Erhebung lässt keine eindeutigen Rückschlüsse zu, ob die doch sehr hoch erscheinende Zahl der Engagierten lediglich gelegentlich nachbarschaftliche Hilfe leistet oder regelmäßig ehrenamtlich tätig ist. Jedoch konstatiert auch der Deutsche Spendenrat eine deutliche Zunahme von Zeitspenden.[6]

Noch allerdings gibt es eine wolkige Unbestimmtheit, was Zivilgesellschaft überhaupt ist. Die daran Beteiligten – von Stadtteilinitiativen bis großen NGOs – haben häufig ihre eigene Definition. Bezogen auf Wohlfahrtsaufgaben umfasst sie ein Spektrum von „notwendige Reformen eines an seine Grenzen geratenen Sozialstaates flankieren“ bis „den Abbau von staatlichen Sozialleistungen verhindern“. Neben den Aufgaben der viel propagierten Bürgergesellschaft muss auch definiert werden, welche Rechte ihr eingeräumt werden.

„Wenn engagierte Bürger in Selbstorganisation den sozialen Leim bilden sollen, der eine auseinander brechende Gesellschaft zusammenhält, Freiwilligenarbeit den Mangel an Erwerbsarbeit kompensieren und soziale Sicherungssysteme ersetzen soll, setzt dies voraus, dass den Bürgern ‚auch ein Handlungsfeld ein-geräumt werden muss, auf dem sie eigenständig und folgenreich agieren können.“[7]

Durch freiwilliges Engagement, das Einbringen ihres „sozialen Kapitals“[8], können die Bürger jenseits ihrer Einkommensverhältnisse gesellschaftlichen Einfluss nehmen. Je größer das soziale Kapital, desto stärker ist der Zusammenhalt der Gesellschaft bzw. einzelner Milieus, und in dem Maße, in dem Hilfeleistungen im Rahmen von Beziehungsnetzwerken erbracht werden, können allgemeine soziale Kosten gespart werden.[9] Neben der Schaffung der organisatorischen Voraussetzungen stellen sich „auf dem Weg in die Zivilgesellschaft“ zudem zahl-reiche grundsätzliche Fragen. Zum Beispiel, was diese überhaupt leisten kann, ob sie, wie Ulrich Beck sagt, die „Seele der Demokratie“[10] ist oder Elitenbildung und soziale Ungleichheit befördert[11], die Gefahren einer Erosion von Rechtsansprüchen[12] und des Rückzugs ins Lokale birgt, inwieweit Bürgernetzwerke zur Ausgrenzung anderer missbraucht werden können,[13] ob sich ungeachtet ihrer Qualifikation alle engagieren dürfen, geschlechtsspezifische Benachteiligung befördert wird,[14] ob überhaupt genug „Bürgerarbeit“ zur Verfügung steht oder Ehrenamt einerseits zur Entlastung des Ersten Arbeitsmarktes und andererseits zur Vernichtung regulärer Arbeitsplätze beiträgt. All diese Fragen zu erörtern, würde – obwohl sie teilweise die Ungleichheit der Möglichkeit zur Einflussnahme berühren – den Rahmen dieser Arbeit sprengen.

Deshalb eine simple Rechenaufgabe: Im geplanten neuen Spendenrecht sticht, so begeistert es aufgenommen wird, die Ungleichbehandlung von Ehrenamt und Geldspenden ins Auge. Der Entwurf sieht bei mindestens 20 Stunden ehrenamtlicher sozialer Arbeit im Monat einen pauschalen Steuererlass von 300 Euro vor. Legt man den vom Deutschen Spendenrat zur Wertberechnung der erbrachten Zeitspenden durchschnittlichen Stundenlohn von 15,24 € zu Grunde, so bedeutet dies bei jährlich 240 erbrachten ehrenamtlichen Arbeitsstunden einen Geldwert von 3.657 €. Eine Geldspende von 3.657 Euro führt dagegen beim Steuersatz von 42% zu einer Steuerminderung von 1.535,- Euro. (Auf weitere Steuerfragen werde ich im folgenden Pkt. 9 eingehen.)

Gleichzeitig wird mit der Festlegung auf eine Mindeststundenzahl vom Gesetzgeber eine gewisse Verpflichtung festgeschrieben, die das Ehrenamt verbindlicher und damit bedarfsgerechter einsetzbar macht. Damit wird das Hindernis mangelnder Planbarkeit teilweise beseitigt und Ehrenamt ein kalkulierbares Einsparpotential bei öffentlichen Ausgaben. Neben dem altruistischen Gedanken bekommt dadurch der (monetäre) Nutzeneffekt einen höheren Stellenwert.[15] Dies steht im Widerspruch zum Grundgedanken der Zivilgesellschaft, sich nicht nur vom „gängelnden Staat“ zu befreien, sondern auch zu marktrationalem Handeln einen Gegenpol zu bilden. Es stützt zudem die Annahme, dass auch in der Zivilgesellschaft der einzelne nur gemäß „seinem Vermögen“ etwas bewegen kann.

„Die Rollenverteilung der gesellschaftlichen Gruppen bei ihrem „Dienst an der Gemeinschaft“ ergibt sich ziemlich naturwüchsig daraus, was eben der einzelne mit seinem bürgerschaftlichen Engagement zu leisten vermag. Diejenigen, die nicht so viel Geld und Vermögen haben, machen Sozialarbeit, also Altenpflege oder Übungsleiter im Sportverein, die Vermögenden vergeben Forschungsaufträge oder Stiftungslehrstühle oder sie stiften gleich ganze Denkfabriken und prägen damit den Gang der Wissenschaft oder den gesellschaftlichen Diskurs und bestimmen so die gesellschaftliche und die politische Weiterentwicklung.“[16]



  1. Gerhard Schröder, November 2001 in einer Broschüre des Presse- und Informationsamtes der Bundesregierung
  2. Von 2001 bis 2002 führte die Diakonie in Deutschland unter diesem Thema eine gemeinsame Kampagne durch
  3. Bundesnetzwerk für Bürgerschaftliches Engagement, BBE
  4. Sept. 05 - Januar 06, Initiative „Partner für Innovation“ , Kampagne in TV- und Rundfunkanstalten, Kinos, Zeitschriften, überregionale Zeitungen.
  5. http://www.bmfsfj.de/Kategorien/Forschungsnetz/forschungsberichte,did=73430.html
  6. „Bilanz des Helfens 2005/2006“: 3,5 Milliarden Stunden
  7. Roland Roth, Bürgerschaftliches Engagement - Formen, Bedingungen, Perspektiven, in: Engagierte Bürgerschaft, Opladen 2000, Annette Zimmer/Stefan Nährlich (Hrsg.), zitiert nach ‚Bürgerschaftliches Engagement im politischen Diskurs’, Sebastian Braun, BpB (B 25-26/2001)
  8. Nach Robert D. Putman ist „soziales Kapital“ ein kollektives Gut von Gesellschaften, nach Pierre Bourdieu eine individuelle Ressource.
  9. Vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Soziales_Kapital
  10. Vgl. Ulrich Beck, Die Seele der Demokratie. Wie wir Bürgerarbeit statt Arbeitslosigkeit finanzieren können; Die Zeit, Nr. 49 vom 28. November 1997
  11. Vgl. Pierre Bourdieu, Die verborgenen Mechanismen der Macht,
  12. Vgl. Marcel Erlinghagen, Die sozialen Risiken "Neuer Ehrenamtlichkeit" Zur Zukunft des Ehrenamtes am Beispiel der "Bürgerarbeit", www.bpb.de
  13. Bspw. Bürgerinitiativen gegen Asyl-Unterkünfte, Psychiatrie-Einrichtungen u. ä.
  14. Vgl. Gisela Notz, ‚Die neuen Freiwilligen – Ehrenamt, eine Antwort auf die Krise?’, Ag Spak; 1999
  15. Vgl. Michael Vilain. Rezension vom 29.11.2006 zu: Ralph Fischer: Ehrenamtliche Arbeit, Zivilgesellschaft und Kirche. Kohlhammer Verlag (Stuttgart) 2004.
  16. Wolfgang Lieb, „Souffleure der Macht – Bertelsmann als informelles Bildungsministerium?“ Vortrag an der Philipps-Universität Marburg, 12/ 2006 http://www.nachdenkseiten.de

Namensnennung-Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland Der Inhalt dieser Seite steht unter der Creative Commons-Lizenz „Namensnennung-Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland“.

Fundraiser

Fundraising Akademie

fundraising-bookmarks

FUNDRAISINGTAGE

Fundraising %26 Sozialmarketing

Soziales InterNet Netz (SINN-X)

Stiftung %26 Sponsoring

united communications