Mai 2017 – 8 Jahre Fundraising-Wiki

Wer zahlt bestimmt. Oder: Die Privatisierung der Wohlfahrt/ Das soziale Umfeld: Gerechtigkeit und Solidarität

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Das soziale Umfeld: Gerechtigkeit und Solidarität

„Gerechtigkeit entspringt dem Neide, denn ihr oberster Satz ist: Allen das Gleiche.“ - Walther Rathenau[1]

Wie schon Max Frisch gesagt haben soll: Die Reichen werden reicher, die Armen zahlreicher. Die noch immer relativ breite Mittelschicht sieht sich insbesondere seit der Einführung der Hartz IV-Gesetzgebung zunehmend einem Armutsrisiko ausgesetzt. Armut ist mittlerweile eine feste Größe in unserer Gesellschaft. Dem 2005 veröffentlichten zweiten Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung[2] zufolge ist der Anteil der Bevölkerung unterhalb der Armutsgrenze seit 1998 von 12,1 auf 13,5 Prozent gestiegen. „Ohne soziale Transferleistungen wie Arbeitslosengeld, Sozialhilfe, Wohngeld oder Kindergeld wäre fast ein Viertel (24 Prozent) der Bevölkerung armutsgefährdet", konstatiert das statistische Bundesamt.[3] Zu den bereits Armen zählen neben Langzeitarbeitslosen, Sozialhilfeempfängern und Rentnern zunehmend auch die so genannten „Working poor“. In einer Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung werden diese Bevölkerungssegmente unter dem Begriff „abgehängtes Prekariat“ zusammengefasst.[4] Der britische Soziologe Zygmunt Bauman nennt sie drastischer die „Überflüssigen“: ‚Die Erste Welt produziere nicht nur materiellen Überfluss, sondern sie produziere gleichzeitig überflüssige Menschen. Flüchtlinge, Staatenlose, Entwurzelte, Arbeitslose seien nur noch Abfall. Die Versorgung dieser Überflüssigen erfolge am untersten Rand des Überlebens, und sei stets in Frage gestellt‘.[5]

Armut ist als Alltagsphänomen z. B. in Form von Pfandflaschensammlern und Obdachlosen allgegenwärtig, und über die Befindlichkeit der offiziellen 6,5 Millionen, zum Teil sichtbaren, zum Teil „relativ“ Armen in Deutschland ist durch Studien relativ viel bekannt.

Der andere Pol ist dagegen eine fast unbekannte Größe. Auch der „Armuts- und Reichtumsbericht“ gibt darüber kaum Aufschluss. Denn obwohl in den vergangenen Jahren in den oberen Einkommensklassen eine rasante Vermögenskonzentration stattgefunden hat, ist die Datenlage über Reichtum äußerst mager. Es bestehen sowohl Definitions- als auch Erhebungsprobleme. Seit der Abschaffung der Vermögenssteuer 1997 gibt es in den Steuerstatistiken keine Daten mehr über große Vermögen. Die Reichtumsforschung[6] stochert weitgehend im Nebel, wenn es darum geht, die Lebensumstände der Reichen zu erkunden oder auch nur zu definieren, ab welchen Besitzverhältnissen überhaupt von Reichtum gesprochen werden kann. Ist bereits reich, wer eine Immobilie im Wert von mehr als einer Million Euro besitzt? Und wenn er sonst kein großes Einkommen hat, ist er dann nicht eher ein armer Reicher?

Laut World Wealth Report[7] gab es Ende 2001 730.000 deutsche Millionäre (Immobilienvermögen nicht mitgerechnet). Den Recherchen des „Manager Magazins“ zufolge finden sich im Jahr 2006 auf der Liste der reichsten Deutschen erstmals 100 Einzelpersonen und Familien mit einem geschätzten Vermögen von jeweils mindestens einer Milliarde Euro.[8] Großer Besitz wird in Deutschland gerne verschwiegen, selbst größere Spenden werden häufig im Stillen getätigt.

„Begeisterung haben wir bei der Geldaristokratie nicht ausgelöst, als wir erstmals einen Überblick über die reichsten Deutschen boten. Noch immer wird der Besitz sorgsam vor der Öffentlichkeit verborgen; noch immer gilt ein Bericht über die Vermögensstände der besonders Wohlhabenden als eine fast gesetzwidrige Indiskretion.“ – Manager-Magazin

Eigentum verpflichtet. Das sagt unser Grundgesetz. Eine besondere Verpflichtung bzw. öffentlicher Druck entsteht, wenn Reichtum – wie in den USA – öffentlich gemacht werden muss. Wie eine Erhebung des Meinungsforschungsinstituts TNS Emnid ergab, fordern rund 73 Prozent der Bundesbürger, Wohlhabende „verstärkt öffentlichem Druck auszusetzen, mehr Geld hierzulande zu investieren oder zu spenden“.[9]

Im Vorwort der „Briefe an den Reichtum“[10] schreibt der 2005 verstorbene Publizist Carl Amery, Zorn sei angebracht - nicht auf die Besitzer jenes Reichtums, sondern auf die Dynamik einer Reichtums-Vermehrung, von der nichts ins Gemeinwesen zurückfließt. Die in Namen wie Ackermann und Esser personalisierte und als anstößig empfundene Maßlosigkeit bzw. Gier von Topmanagern könnte lediglich als Sozialneid oder Kapitalismus-Kritik abgetan werden. Sie ist darüber hinaus jedoch auch Ausdruck einer Beziehungslosigkeit nicht nur gesichtsloser Kapitalbeteiligungsgesellschaften, der „Heuschrecken“, sondern auch vieler Großverdiener zur Gesellschaft an sich. Dazu hieß es in der ZEIT, es sei ein: „Reichtum (…), in dem sich eine Form der Verwahrlosung ausdrückt: Die Entmoralisierung des Materiellen, die Entbindung des Materiellen von jedwedem moralischen Sinn und Zweck betrifft als Verwahrlosungsphänomen Reiche und Arme.“[11]

Zehn Prozent der Bevölkerung besitzen die Hälfte des gesamten Nettovermögens, gut zehn Prozent der Deutschen besitzen überhaupt nichts außer Schulden.[12] Das Empfinden, dass es in der Gesellschaft eher ungerecht zugeht, steigt kontinuierlich. Mehr als 50 Prozent der Deutschen zweifeln im November 2006 am Funktionieren der Demokratie.[13] Nur noch 27 Prozent der Bundesbürger bezeichnen die Situation im Land als gerecht. 66 Prozent empfinden sie hingegen als ungerecht.[14]

Gerechtigkeit jedoch ist, so der Soziologe Berthold Vogel, entscheidend für den Zusammenhalt einer Gesellschaft.[15]

Die zunehmende Ungleichheit ist für Fundraising nicht nur insofern von Belang, als bei dem von Armut bedrohten Viertel der Bevölkerung vermutlich nur ein geringes Spendenvolumen akquiriert werden kann[16] und es auf der anderen Seite eine beträchtliche Anzahl Menschen gibt, die mit Spenden in größerem Umfang etwas bewegen könnten. Es ist auch nicht die Tatsache allein, dass der Bedarf an privater Wohltätigkeit bei zunehmender Verarmung steigt. Die wachsende Kluft bedeutet, dass Arme wie Reiche sich immer stärker von der Mitte der Gesellschaft entfernen. Während die einen aufgrund einer stetig wachsenden Bedeutung des Geldes zunehmend von der gesellschaftlichen Teilhabe ausgeschlossen sind, sind die anderen darauf bedacht, von der Gesellschaft erst gar nicht wahrgenommen zu werden. Damit droht neben einem Verlust an Gerechtigkeit auch eine Abnahme an Solidarität, die als ein wesentliches Motiv des Gebens gesehen werden können. „Schon in der hellenistischen Kultur“ schreibt Dieter Georgi „war Gleichheit ein Synonym für Gerechtigkeit als Basis und bewegende Kraft der Gesellschaft.“[17]



  1. „Auf dem Fechtboden des Geistes. Aphorismen aus seinen Notizbüchern.“ Wiesbaden 1953
  2. Lebenslagen in Deutschland - 2. Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung, BMAS 2005
  3. Studie „Leben in Europa“ zu Armut und sozialer Ausgrenzung, Statistische Bundesamt Dez. 2006
  4. „Gesellschaft im Reformprozess“, Friedrich-Ebert-Stiftung Dezember 2006 (2 Monate vor Veröffentlichung löste sie die „Unterschichtendebatte“ aus. www.fes.de/inhalt/Dokumente/061017_Gesellschaft_im_Reformprozess_komplett.pdf
  5. Zygmunt Bauman: Verworfenes Leben. Die Ausgegrenzten der Moderne. Hamburger Edition 2005.
  6. In Deutschland: Power Structure Research, Universität Münster, Prof. em. Dr. H.J. Krysmanski, Institut für Soziologie
  7. Merrill Lynch/Cap Gemini Ernst & Young: World Wealth Report 200 / Quelle: Uni Münster, Power Structure Research, http://www.uni-muenster.de/PeaCon/psr/
  8. Quelle: manager magazin Spezial, „Die 300 reichsten Deutschen“, Oktober 2006
  9. Erhebung TNS Emnid für das "Manager Magazin" (s. o.)
  10. Carl Amery (Hrsg.): Briefe an den Reichtum, Verlag Luchterhand 2005
  11. Ursula März: ‚Ich bin nicht, was ich habe’, DIE ZEIT Nr. 18, 28. 04. 2005
  12. Das „Vermögen“ des untersten Zehntels beträgt -0,6 Prozent (früheres Bundesgebiet: -0,5; neue Länder: -1,3). Diese Haushalte haben also mehr Schulden als Vermögen haben , 2. Armuts- und Reichtumsbericht
  13. ARD Deutschlandtrend 10/2006
  14. Umfrage Infratest dimap, November 2006
  15. In „Armut in Deutschland“, DIE ZEIT Nr. 11, 10.03.2005
  16. 17,2 % der Bundesbürger haben nach Abzug aller Kosten, (z. B. Miete, Einkaufen, Versicherungen) kein frei verfügbares Einkommen. 26,2 % haben monatlich nur bis zu 100 Euro Spielraum für Kultur, Urlaub oder Anschaffungen; Quelle: „Verbraucher-Analyse 2005“, Herausgeber Bauer Verlagsgruppe und Axel Springer Verlag AG
  17. Dieter Georgi „Hat Geld etwas mit Rechtfertigung zu tun?“ in „Geben, Schenken, Stiften – theologische und philosophische Perspektiven“ Andrews, Dalby, Kreutzer (Hrsg), LIT Verlag Münster 2005

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